[Im Archiv finden Sie die Gedichte vergangener Monate und Jahre...]

Hier gab es bis September 2012 pro Monat ein Gedicht von Eduard Mörike, versehen mit einem kurzen erläuternden Kommentar.

 

Gedicht des Monats
September 2012

 

Mit diesem Gedicht endet die Reihe der ‚Gedichte des Monats’, die im Juni 2005 begonnen hat. Die nahezu 90 Gedichte, die seitdem hier vorgestellt wurden, sind – anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Mörike-Gesellschaft – als Buch erschienen: Eduard Mörike: Die Wolke wird mein Flügel. Gedichte. Ausgewählt und kommentiert von Reiner Wild im Auftrag der Mörike-Gesellschaft. Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 2012. Beachten Sie bitte unsere neue Reihe: Musterkärtchen.

 

 

        Mein Wappen ist nicht adelig,
        Mein Leben nicht untadelig –
        Und was da wert sei mein Gedicht,
        Fürwahr, das weiß ich selber nicht.
         

 

Textgrundlage: Mörike, Eduard: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Nach den Originaldrucken zu Lebzeiten Mörikes und nach den Handschriften. Textredaktion: Jost Perfahl. München 1967, 1970. Bd. 2. 3. Auflage Düsseldorf Zürich 1996, mit Anmerkungen von Helmut Koopmann. S. 476.

           

Der Vierzeiler ist im März 1871 entstanden; Mörike hat ihn mehrfach in Stammbücher und Autographenalben eingetragen, und so kann er als späte Selbstaussage des Dichters Mörike gelesen werden. Zum Druck hat Mörike das Gedicht allerdings nicht gebracht. Der Dichter, der hier spricht, ist – so scheint es –nicht mit sich im Reinen, er zweifelt an sich selbst. Was ihm zugehört – immerhin beginnen die beiden parallel gebauten Sätze der ersten zwei Zeilen jeweils mit dem Possessivpronomen: „Mein“ –, steht in Frage. Er hat zwar ein Wappen; dies signalisiert jedoch nicht adlige Geburt und lange Ahnenreihe. Sein Leben folgt auch nicht, jedenfalls nicht gänzlich, bürgerlicher Tugendhaftigkeit. Und auch sein eigentliches Metier: die Kunst, das „Gedicht“ – das dritte Wort, das im Gedicht mit dem Possessivpronomen bedacht wird (zudem, anders als zuvor, an betonter Stelle) – , ist ihm fraglich geworden. Allein, solche Geste der Zurückhaltung, der Demut und Bescheidenheit fordert den Widerspruch geradezu heraus; in der pathetischen Bekräftigungsformel „Fürwahr“, die den ansonsten alltagssprachlichen Duktus der Rede durchbricht und überdies im Rhythmus des Gedichts nachdrücklich hervorgehoben wird, ist in ironischer Brechung der Einspruch bereits formuliert (auch wenn im Zweifel am „Gedicht“ die Skepsis Mörikes an der Rolle und der Bedeutung der Kunst im späten 19. Jahrhundert mitschwingen mag). Hier kennt einer durchaus seinen Wert und führt zugleich vor, was er kann. Als Mörike am 4. Juni 1875, wenig mehr als vier Jahre nach der Entstehung des Gedichts, starb, schrieb Gottfried Keller an Friedrich Theodor Vischer, er sei gegangen, „wie sich ein stiller Berggeist aus einer Gegend verziehe, ohne daß man es weiß.“ Keller fährt fort: „Wenn sein Tod nun seine Werke nicht unter die Leute bringt, so ist ihnen nicht zu helfen, nämlich den Leuten!“ Dem ist auch mehr als ein Jahrhundert später nichts hinzuzufügen; wer heute noch nicht weiß, was Mörikes Gedichte „wert“ sind, dem ist – fürwahr! – nicht zu helfen.

Auswahl und Kommentar: Reiner Wild

 

 

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