Hier gibt es pro Monat ein Musterkärtchen von Eduard Mörike,
versehen mit einem kurzen erläuternden Kommentar.

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Musterkärtchen des Monats
August 2017

 

[ohne Überschrift]

Heutfrüh in der Herbstmorgensonne war ich mit Agnes droben u. machte im Heruntergehn die chinesischen Läufe; sie sah mir mit Verwundrung zu.
Ich. So pflegen die Schinäsen zu marschiern.
Sie. Die Schinäsen? Wer sind die?
Ich. Das sind Kerl mit rasirten Köpfen.
Sie. Mit rasirten?
Ich. Ja wohl. (Sie bricht in großes Gelächter aus.)

 

Hartlaubs Tochter Agnes (1834-1878) war – wie auch ihre Mutter Konstanze und ihre Schwester Adelheid – im Sommer 1839 seit dem 17. August im Cleversulzbacher Pfarrhaus zu Besuch. Sie machte am Morgen des 26. August mit Mörike einen Spaziergang auf den »Hügel«, einer freien Anhöhe westlich des Pfarrhauses und des daran angrenzenden Friedhofs. Dabei kam es während der Rückkehr von dort zu dem hier geschilderten Dialog. Mit den »chinesischen Läufen« imitierte Mörike vermutlich ein Gehen mit kleinen Tippelschritten. – »Schinäsen« stand damals im schwäbischen lautsprachlich für »Chinesen«.

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 13. Briefe 1839-1841. Hrsg. v. Hans-Ulrich Simon. Stuttgart: Klett-Cotta 1988, S. 66.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold

 

 

Diese eigenständige, fast literarische Form von Mitteilungen über alltägliche charakteristische Erlebnisse hat Mörike im Brief an Friedrich Theodor Vischer vom 13. Dezember 1837 so definiert: Zwischen mir und meinen Freunden war und ist zum Theil noch die Einrichtung, daß wir einander »Musterkärtchen« schicken. Dieß sind kleine, selbsterlebte Anekdoten, hauptsächl. charakteristische Züge aus unserer nächsten Umgebung, ohne viel Witz, wenn sie nur lustig oder bezeichnend sind. Solche Musterkärtchen Eduard Mörikes werden hier in loser Folge vorgestellt.