Hier gibt es pro Monat ein Musterkärtchen von Eduard Mörike,
versehen mit einem kurzen erläuternden Kommentar.

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Musterkärtchen des Monats
Oktober 2017

 

[ohne Überschrift]

Beim MittagEssen war Clara meine Nachbarin zur linken Hand und wird es auch in Zukunft bleiben; wir speisten eine Gans; es hieß: wenn Gretchen doch auch ihren Bissen davon nähme! In welcher Ecke der Cajüte wird sie sitzen, jezt ohne policeilichen Schutz? u.s.w. Der kleine Eduard gibt zwar zu, bei ihrem Abschied halb im Schlaf an den versprochnen Beutel erinnert zu haben, aber Adieu habe er doch auch gesagt. Warum, fragt er hernach, haben denn die Gänse nur Einen Springer? sie haben doch zwei Achseln?

 

Mit Margarethe Speeth (1818-1903) und seiner Schwester Klara (1816-1903) war Mörike am 4. September 1850 über Crailsheim, Dinkelsbühl, Nördlingen und Donauwörth nach Regensburg aufgebrochen; sie erreichten das dort gelegene Pürkelgut, auf dem sein Bruder Ludwig (1811-1886) als Verwalter angestellt war, am 6. September. Schon seit Anfang Januar 1848 lebte Ludwig Mörike mit seiner Frau Franziska geb. Gräfin von Normann-Ehrenfels gesch. von Bloß (1811-1866), seinen Söhnen Hermann (1840-1896), August (1842-920) und Eduard (1843-1904) in dem ca. zwei Kilometer südöstlich von Regensburg in der Donauebene gelegenen Gut. – Am 13. Oktober 1850, zwei Tage vor der Niederschrift des vorliegenden Musterkärtchens (vgl. Brief an M. Speeth vom 15.-22. Oktober 1850), hatte »Gretchen« Speeth, die Mörike im November 1851 heiratete, alleine die Rückreise angetreten: zunächst mit dem Dampfboot von Regensburg nach Donauwörth, dann weiter über Nördlingen nach Mergentheim. – Der jüngste Sohn von Mörikes Bruder Ludwig, Eduard (1843-1904), später Kaufmann in München, war damals 7 Jahre alt. Um welchen Sachverhalt es sich bei dem »versprochenen Beutel« handelte, den er während des Abschieds von Margarethe Speeth angesprochen hatte, ist nicht bekannt. – Das Schlüsselbein (Brustbeinknochen) einer Gans nennt man auch »Gabelbein« oder »Springer«.

 

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 15. Briefe 1842-1845. Hrsg. v. Albrecht Bergold und Bernhard Zeller. Stuttgart: Klett-Cotta 2000, S. 341.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold

 

 

Diese eigenständige, fast literarische Form von Mitteilungen über alltägliche charakteristische Erlebnisse hat Mörike im Brief an Friedrich Theodor Vischer vom 13. Dezember 1837 so definiert: Zwischen mir und meinen Freunden war und ist zum Theil noch die Einrichtung, daß wir einander »Musterkärtchen« schicken. Dieß sind kleine, selbsterlebte Anekdoten, hauptsächl. charakteristische Züge aus unserer nächsten Umgebung, ohne viel Witz, wenn sie nur lustig oder bezeichnend sind. Solche Musterkärtchen Eduard Mörikes werden hier in loser Folge vorgestellt.