Hier gibt es pro Monat ein Musterkärtchen von Eduard Mörike,
versehen mit einem kurzen erläuternden Kommentar.

Musterkärtchen 2013 (PDF)...
Musterkärtchen 2014 (PDF)...
Musterkärtchen 2015 (PDF)...
Musterkärtchen 2016 (PDF)...

 

Musterkärtchen des Monats
Juli 2017

 

[Auf der Rückseite einer Abbildung mit dem Titel:
»Jesus war seinen Eltern folgsam. Luc. 2,51.«]

 

D. 23. Jul. 1861. Von Fräul. Pauline Motz der Fanny geschenkt. Als man ihr die Überschrift des Bildchens las sagte sie freudig: »Das ist wie für den heutigen Tag!«

(Sie war nemlich Morgens sehr ernstlich zum Gehorsam ermahnt worden)

 

 

Diese in Form eines Musterkärtchens von Mörike niedergeschriebene Anekdote war möglichweise einem Brief oder einer Mitteilung im engeren Famlienkreis beigelegt. Sie ist jedenfalls auf der Rückseite eines mit einer Abbildung bedruckten Kärtchen im Nachlass Mörikes überliefert. Die Abbildung ist überschrieben: »Jesus war seinen Eltern folgsam. | Luc. 2,51.« Darunter das Bildchen, das in der oberen linken Bildhälfte eine Hütte und rechts danaben 3 fliegende Engellein zeigt und in der unteren Hälfte auf der linken Seite die an einem Zuber Wäsche knieende Maria, in der Mitte (mit einem Heiligenschein umgeben) Jesus als Kind, einen Korb tragend, und rechts daneben den stehenden Josef darstellt, der aus dem Korb etwas entnimmt. Darunter ist gedruckt: »Bei Maler Renz in Stuttgart.« sowie die Verse »Seht Eltern und Kinder in diesem Bild an, | Was Jesus, Maria und Joseph gethan; | Und lasst uns dann auch, so wie diese, so rein, | So fleissig, gehorsam und tugendhaft sein.«

Mörikes Tochter Franziska (gen. Fanny; geb. am 12. April 1855) wohnte mit ihren Eltern und der zwei Jahre jüngeren Schwester Marie damals (seit Anfang September 1859) in der Stuttgarter Militärstraße 51. Sie blieben in der im zweiten Stock gelegenen Wohnung mit vier Zimmern und einer Küche bis Ende April 1864. – Pauline Motz, von der Fanny Mörike das Kärtchen erhalten hatte, ist nicht näher identifizierbar. Möglicherweise war sie verwandt mit dem Präzeptor Carl Motz, der damals nicht weit von Mörikes entfernt in der die Militärstraße querenden Silberburgstraße 56 wohnte.

 

Textgrundlage: Eduard Mörike, Handschrift DLA Marbach, Archiv, Nachlass A:Mörike 2, Inv. Nr. 2873. .

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold

 

 

Diese eigenständige, fast literarische Form von Mitteilungen über alltägliche charakteristische Erlebnisse hat Mörike im Brief an Friedrich Theodor Vischer vom 13. Dezember 1837 so definiert: Zwischen mir und meinen Freunden war und ist zum Theil noch die Einrichtung, daß wir einander »Musterkärtchen« schicken. Dieß sind kleine, selbsterlebte Anekdoten, hauptsächl. charakteristische Züge aus unserer nächsten Umgebung, ohne viel Witz, wenn sie nur lustig oder bezeichnend sind. Solche Musterkärtchen Eduard Mörikes werden hier in loser Folge vorgestellt.