Hier gibt es pro Monat ein Musterkärtchen von Eduard Mörike,
versehen mit einem kurzen erläuternden Kommentar.

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Musterkärtchen des Monats
Februar 2017

 

 mir ... Musterkärtchen diktiren

 

Über Tisch war vom König von Würtemberg die Rede. Agnes fragte wer das sey? Auf die Erklärung lachte sie, und meinte das wäre nur wieder ein Spaß von Eduard, es gebe keinen König als den Erlkönig und der sey am Meer, – geht es ihr hier nicht beinahe wie ihrer Namensschwester im Nolten die auch an der Existenz einer Stadt Paris zweifelte?

 

Das hier zitierte Musterkärtchen hat Mörike, der wegen einer Erkältung nicht selbst schreiben konnte, seiner Schwester Klara (1816-1903) diktiert. Es ist Teil eines Schreibens, das Klara Mörike nach dem 21. Januar und vor dem 8. Februar 1840 an Konstanze Hartlaub (geb. Kretschmer; 1811-1888), der Frau seines engsten Freundes Wilhelm Hartlaub, gesandt hat. Der Text Mörikes wird von seiner Schwester eingeleitet mit den Worten: »Nun will er daß doch auch etwas von ihm zu Euch gelange«.

Mörike, seit 1834 Pfarrer in dem bei Neuenstadt am Kocher gelegenen Dorf Cleversulzbach, lebte im dortigen Pfarrhaus mit seiner Schwester Klara und seiner Mutter Charlotte (geb. Beyer; 1771-1841). Zur Entstehungszeit des vorliegenden Schreibens war Wilhelm Hartlaubs Tochter Agnes (1834-1878) bei Mörikes zu Besuch. Sie hielt sich dort bereits seit Ende August 1839 auf und kehrte erst im Februar 1840 zu ihrer Familie nach Wermutshausen zurück.

Während ihres monatelangen Aufenthalts in Cleversulbach hatte Agnes Hartlaub Goethes Ballade »Erlkönig« auswendig gelernt und glaubte deshalb an einen Scherz, als von Wilhelm I. (1781-1864), seit 1816 König von Württemberg, die Rede war. – Die Anspielung auf Mörikes »Maler Nolten« bezieht sich auf eine Stelle im zweiten Teil der »Novelle«, in der Agnes, eine der Hauptfiguren, Folgendes sagt: »Gesteh es nur, Papa, daß es die Länder und Städte gar nicht gibt, von denen ihr alls redet ... daß die Welt noch viel viel weiter geht, auch noch andre Völker sind, weiß ich wohl, aber Paris, das ist gewiß kein Wort ... so gibt es keine Stadt« (vgl. Bd. 3 der Historisch-kritischen Ausgabe von Mörikes Werken und Briefen: Maler Nolten, Stuttgart 1967, S. 280).

 

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 13. Briefe 1839-1841. Hrsg. v. Hans-Ulrich Simon. Stuttgart: Klett-Cotta 1988, S. 83-84.

 

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold

 

 

Diese eigenständige, fast literarische Form von Mitteilungen über alltägliche charakteristische Erlebnisse hat Mörike im Brief an Friedrich Theodor Vischer vom 13. Dezember 1837 so definiert: Zwischen mir und meinen Freunden war und ist zum Theil noch die Einrichtung, daß wir einander »Musterkärtchen« schicken. Dieß sind kleine, selbsterlebte Anekdoten, hauptsächl. charakteristische Züge aus unserer nächsten Umgebung, ohne viel Witz, wenn sie nur lustig oder bezeichnend sind. Solche Musterkärtchen Eduard Mörikes werden hier in loser Folge vorgestellt.