Hier finden Sie jeden Monat ein neues Musterkärtchen Eduard Mörikes sowie einen kurzen erläuternden Kommentar.


April 2019

Musterkärtchen für meine lieben Wimsheimer Freunde [...] Ich sagte nebenher zu W.[olff] »Dein Mönchsräthsel (NEC ANIMAM p.)
s. Beilage) hab ich noch nicht errathen, – es kann doch nicht der Blitz seyn?« «Nein das ists nicht« versetzte er halblaut, der Andern wegen mit etwas verlegenem Lächeln, wodurch mir freilich gleich ein Licht aufging.

Im vorliegenden, zwischen dem 10. und dem 26. März 1865 geschriebenen Brief teilt Mörike der Familie Hartlaub ausschließlich Musterkärtchen mit; sie berichten von Ereignissen, die sich zwischen Dezember 1864 und dem 26. März 1865 zugetragen haben müssen. Die eng befreundete Familie lebte zu jener Zeit allerdings schon nicht mehr in Wimsheim: die Hartlaubs verzogen bereits am 10. November 1863 (!) nach Stöckenburg bei Schwäbisch Hall (die Pfarrei Stöckenburg gehörte damals zu Vellberg); Wilhelm Hartlaub vermerkte dies unter Mörikes Anrede »Wimsheimer« mit dem Wort »Stöckenb.«. – Das hier wiedergegebene fünfte der zahlreichen Musterkärtchen berichtet über ein Gespräch, das Mörike während eines Besuchs bei dem befreundeten Rektor des Katharinenstifts, Karl Wolff (1803-1869), am 5. Dezember 1864 führte. Dieser hatte in seinem undatierten (wohl am 1. oder 2. Dezember 1864 geschriebenen) Briefchen an Mörike folgendes »Mönchsräthsel« gestellt: »Nec animam, nec corpus habet, nec petit honores. | Hoc quid sit queris? Clamat dum nascitur illud | Et post clamorem moritur & non sepelitur« (Es hat weder eine Seele noch einen Körper und fordert auch keine Ehren. Was das sei, fragst du? Es schreit, während es geboren wird Und nach seinem Schreien stirbt es & wird nicht begraben). Mörike glaubte, es sei der Blitz gemeint (es war aber der Furz). – Die von Mörike erwähnte Beilage ist nicht nachweisbar.

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 18. Briefe 1864-1867. Hrsg. v. Regina Cerfontaine und Hans-Ulrich Simon. Stuttgart: Klett-Cotta 2006, S. 72-73.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


März 2019

Agnes (nachdem sie mich aus dem Stegreif ihrer Zuneigung versichert hatte) Du mußt mein Onkel werden und das Clärchen meine Tante!
Ich. (lachend) Ja wie ist aber das zu machen?
Agnes. Erlaubt denn das der KÖNIG nicht? muß man ihn fragen? (Sie stellte sich das Onkelseyn als eine verleihbare Eigenschaft und Würde vor, wie der Oberinspektor Dekansrang hat ohne DEKAN zu seyn.)

Mörike teilt in einem Brief vom 21. März 1842 an seinen engen Freund Wilhelm Hartlaub (1804-1885) in Wermutshausen mehrere Musterkärtchen mit. Sie beschreiben Begebenheiten, die er und seine Schwester Klara (1816-1903) mit Hartlaubs Tochter Agnes (1834-1878) erlebt haben; letztere war damals vom 21. Februar bis zum 8. Mai 1842 im Cleversulzbacher Pfarrhaus zu Besuch. – Wilhelm I. König von Württemberg (1781-1864) regierte das Land seit 1816 und war damit auch Oberhaupt der evangelischen Landeskirche. Nach dem bereits 1811 erlassenen und damals noch gültigen General-Rescript war das »Rang-Reglement« in zehn Klassen geteilt, wobei die neunte Klasse unter anderem Amtsbezeichnungen wie »Stadt-Pfarrer«, »Ober-Helfer« und auch »Ober-Weg-Inspector« und ähnliche Titel umfaßte. – Ein Dekan führte Aufsicht in seinem Kirchenbezirk, der Diözese (sie umfaßte damals ca. 20 Pfarreien).

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 14. Briefe 1842-1845. Hrsg. v. Albrecht Bergold und Bernhard Zeller. Stuttgart: Klett-Cotta 1994, S. 30.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


Februar 2019

Ich zeigte ihr [Antonie Schwerzenbach] in Wolffens Buch in den Anfangsgründen der Baukunst den
»3. Lehrsatz
Ein Fenster muß so breit seyn, daß zwey Personen gemächlich NEBEN EINANDER IN DEMSELBIGEN LIEGEN KÖNNEN.

BEWEIS

DENN MAN PFLEGET SICH ÖFFTERS MIT EINER ANDEREN PERSON AN DAS FENSTER ZU LEGEN UND SICH UM ZU SEHEN.«
worüber wir uns lustig machten.
Eduard Wirst Du Dich auch einmal mit einer anderen Person so in das Fenster legen?
Antonie (lächelnd) Ich weiß nicht. (Sogleich einlenkend, weil ihre Antwort ein zu schnelles Verständniß der Frage verrieth) Mit meiner Schwester Elis' hab ichs schon manchmal gethan.
Eduard. Nun, wenn Du früher oder später mit einer anderen Person einmal so gemächlich in dem Fenster liegst, erinnere Dich doch dankbar des guten Mannes, der diesen angenehmen Lehrsatz aufgestellt hat.
Ant: Ja, das will ich. -

Antonie Schwerzenbach (1838-1877), die aus Zürich stammte, wurde von Mörikes Ende Mai 1854 als Pensionsgast aufgenommen. Sie wohnte bei der Familie bis zum Ende des Jahres 1855. Mörikes hatten sich damals entschlossen, Pensionsgäste aufzunehmen, um die größere Wohnung in der Stuttgarter Alleenstraße 9, in die sie am 4. Mai 1854 eingezogen waren, bezahlen zu können. Der im vorliegenden Musterkärtchen geschilderte Dialog mit ihr findet sich im nach dem 25. Februar 1855 geschriebenen Brief an die eng befreundete Familie Hartlaub. Mörike zitiert darin aus dem ersten Teil der siebten Auflage der »Anfangs-Gründe aller mathematischen Wissenschaften« von Christian Freiherr von Wolff (1679-1754), die 1750 in Frankfurt/M. und Leipzig als »Neue, verbesserte und vermehrte Auflage« veröffentlicht wurde; Wolff bezeichnete den fünften Band dieser Publikation mit dem Titel »Kurtzer Unterricht von den vornehmsten mathematischen Schriften«. – Elise Schwerzenbach (1842-1925), später verheiratete Hirzel, war eine Schwester von Antonie Schwerzenbach.

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 16. Briefe 1851-1856. Hrsg. v. Bernhard Thurn. Stuttgart: Klett-Cotta 2000, S. 203-204.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


Januar 2019

[... etwas von ihm zu Euch gelange]

Eduard zeigte ihr [Agnes Hartlaub] die große Sandbüchse vom Karlsberg, und bemerkte, daß er sie vom Vater habe; sie sah sie an, und sagte: nicht wahr, die ist sehr verehrungswürdig?

Das hier zitierte Musterkärtchen hat Mörike, der wegen einer Erkältung nicht selbst schreiben konnte, seiner Schwester Klara (1816-1903) diktiert. Es ist Teil eines Schreibens, das Klara Mörike nach dem 21. Januar und vor dem 8. Februar 1840 an Konstanze Hartlaub (geb. Kretschmer; 1811-1888), der Frau seines engsten Freundes Wilhelm Hartlaub, gesandt hat. Der Text Mörikes wird von seiner Schwester eingeleitet mit den Worten: »Nun will er daß doch auch etwas von ihm zu Euch gelange«. – Mörike, seit 1834 Pfarrer in dem bei Neuenstadt am Kocher gelegenen Dorf Cleversulzbach, lebte im dortigen Pfarrhaus mit seiner Schwester Klara und seiner Mutter Charlotte (geb. Beyer; 1771-1841). Zur Entstehungszeit des vorliegenden Schreibens war Wilhelm Hartlaubs Tochter Agnes (1834-1878) bei Mörikes zu Besuch. Sie hielt sich dort bereits seit Ende August 1839 auf und kehrte erst im Februar 1840 zu ihrer Familie nach Wermutshausen zurück. – Streusand oder Löschsand ist ein feinkörniger Sand, der zum Trocknen schreibnasser Tinte diente. Der Sand wurde in der Sandbüchse (Büchse für Streusand) aufbewahrt. – Das ehemalige Jagdschloß Karlsberg liegt auf einer Anhöhe bei Weikersheim (auf halbem Weg zwischen Mergentheim und Wermutshausen).

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 13. Briefe 1839-1841. Hrsg. v. Hans-Ulrich Simon. Stuttgart: Klett-Cotta 1988, S. 84.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


Dezember 2018

… wir einander MUSTERKÄRTCHEN schicken …
Hier gleich ein paar zur Probe.

Mein Vikarius kommt mit dem liederlichen Gassenwirth Korb dahier ins Gespräch über den noch liederlichern hiesigen Gärtner Widmann, einen Erzsäufer. Nachdem besagter Korb dem Letzern verschiedene Prädikate u. Namen ertheilt, die alle ziemlich unanständig waren, mochte ihm einfallen, daß er mit einem Geistlichen rede und daß er deßhalb seinen Ausdrücken eine mehr kirchliche Färbung geben müsse. Ohne allen Sinn & Verstand, ohne irgend eine Beziehung auf ein besonderes Laster schließt er nun seine Schilderung mit den Worten: »Ja, Herr Vikarius, das kann ich Ihnen sagen, der Widmann ist – ist – ein – ein Stifter der Geschlechter!«
(Die lezten Worte, die aus einem bekannten Lied unsres Gesangbuchs sind, wurden ganz mit demselben Nachdruck gesprochen, wie wenn er hätte sagen wollen: »ein KapitalSpitzbub« – oder – »ein Himmelsakerment.«)

Dieses Musterkärtchen ist eines der ersten, die Mörike (mit seinem Brief vom 13. Dezember 1837) an Friedrich Theodor Vischer (1807-1887) geschickt hat. Vikar bei Mörike in Cleversulzbach war in jenen Tagen Johann Friedrich Schlaich (1810-1866). Schon am 27. Januar 1836 war er zur Unterstützung Mörikes an dessen Gemeinde entsandt worden; er blieb bis Ende 1838 und wurde, nach weiteren Vikariatsjahren an verschiedenen Orten, 1842 Stadtpfarrer in Oberndorf am Neckar. – Schlaich unterhielt sich damals mit dem Weber und Totengräber Georg Friedrich Korb (1776-1848); als Gassenwirt durfte dieser Wein und Bier nur über die Gasse verkaufen; er hielt sich jedoch nicht an die Bestimmung und ließ sogar Musikanten ein. Der Gärtner Georg Friedrich Widmann (geb. 1793), von dem Korb erzählt, ist nach 1843 in die Vereinigten Staaten ausgewandert und dort verschollen. – Bei dem »bekannten Lied« handelt es sich um »Wenn der Stifter der Geschlechter Unsre Lieben zu sich ruft ...« von Gotthold Friedrich Stäudlin (vgl. Württembergisches Gesangbuch, Stuttgart 1824, S. 606-607).

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 12. Briefe 1833-1838. Hrsg. v. Hans-Ulrich Simon. Stuttgart: Klett-Cotta 1986, S. 148.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


November 2018

Musterkärtlein
für meinen lieben Willm.

[...] »Ah der Herr Hofrath! [...]« [...] »Gehn Sie doch noch ein wenig mit mir da rechts nach meinem kleinen Krankenhaus. Wir kommen da an einem guten Brünnchen bei der CHAUSSEE vorüber.« Es geschieht; das Wasser war indessen miserabel. - »Unsere WohlthätigkeitsAnstalt aber bin ich so frei, Ihnen auch bald zu zeigen. Das ist etwas Schöns. Ich führe Sie hin. Ich glaub nicht daß es eine Stadt im ganzen Land gibt, die dergl. etwas aufzuweisen hat« u. s. w. Weiter: von Schönhuth »er war erst vorgestern wieder bei mir.« Von Alterthümern – Schertels Garten, über dessen Mauer er mich blicken ließ – DR Höring ritt vorüber, hielt an, Begrüßungen. Weißflog nimmt Anlaß ihm wegen der MEDICINischen JOURNALE und gestörten Leseordnung als DIRIGENT eine kleine Lektion zu halten. DR. Höring hält aber zwei hübsche Pferde und der OberAmtsRath hat seine beiden haarigen Krabben abgeschafft, »der Frau zu Gefallen, da sie doch immer eine weitere Last des Haushalts sind.« Endlich war man (eine ½ Viertelstunde vor der Stadt) vor dem Spitale angekommen. »Sie gehen doch ein wenig mit herein?« Worauf ich ihm mit Lächeln bestens dankte. »Nun, sagte er, so wünsch ich nur daß es Ihnen in Mergenth. so wohl werden möge, wie uns pp. wir haben hier eine Reihe Familien gefunden, mit denen wir in der That pp.«

Der am 6. November 1844 in Mergentheim geschriebene, an den engen Freund Wilhelm Hartlaub (1804-1885) in Wermutshausen gerichtete Brief, beginnt mit einem ungewöhnlich umfangreichen Musterkärtchen, dessen zweiter Teil hier abgedruckt ist. Das anfangs verwendete Namenskürzel »Willm.« ist wohl eine Abkürzung für »Wilmsen«; diese scherzhafte Bezeichnung für »Wilhelm« ist in Briefen Mörikes wie auch Hartlaubs nachzuweisen. – Mörike traf den seit dem Frühjahr 1844 in Mergentheim praktizierenden Oberamtsarzt und Hofrat Friedrich Krauß (1803-1885) am 5. November auf einem Spaziergang, den er von seiner in unmittelbarer Nähe des Boxberger Tors gelegenen neuen Wohnung aus unternommen hatte. Krauß war verheiratet mit Therese geb. Schlier (1804-1856). Bei dem »Krankenhaus«, zu dessen Besuch Friedrich Krauß Mörike einlud, handelte es sich wahrscheinlich um das außerhalb der Stadt an der Straße nach Wachbach gelegene Armenhaus (Rochusstift), das 1674 neu erbaut worden war und in dem damals ansteckende Kranke und kranke Reisende behandelt wurden. An der Straße nach Wachbach lag auch – auf der Höhe der »Bronnen Gärten« – das »Brünnchen«, das Mörike erwähnt. – Mit der »WohlthätigkeitsAnstalt« ist das Karolinum gemeint, ein Krankenhaus für Invalide, Arme und Dienstboten, für das sich Friedrich Krauß sehr einsetzte. – Ottmar Schönhuth (1806-1864), ein ehemaliger Studienkollege Mörikes, amtierte seit 1842 als Pfarrer im nahen Wachbach. Ihm war Mörike schon während seiner Mergentheim Kur im Jahr 1837 wiederbegegnet. Aus dieser Zeit kannte er auch bereits Franz Jakob Höring (1802-1891), der Mörike damals ärztlich betreute. Höring praktizierte seit 1832 in Mergentheim und war als Oberamtschirurg und Geburtshelfer Friedrich Krauß unterstellt; er war unter anderem für die Betreuung der medizinischen Veröffentlichungen im Oberamt zuständig. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden auch in ländlichen Gebieten ärztliche Lesegesellschaften; in medizinischen Jahres- und Sitzungsberichten aus jener Zeit finden sich überall Nachrichten über Journalzirkel sowie Veröffentlichungen von Listen laufender Zeitschriften und neuen Leseordnungen. – Der Rittmeister a.D. Karl Siegfried Johann Freiherr von Schertel (1778-1848), der seit Beendigung seiner Militärlaufbahn in Mergentheim lebte, besaß südlich der Stadt an der Straße nach Wachbach einen Garten. –– Mit der damals gebräuchlichen Bezeichnung »Krabben« waren »nicht rassenreine« Pferde gemeint (hergeleitet vom schwedischen »Krabba« als verächtlicher Ausdruck für ein kleines Pferd).

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 14. Briefe 1842-1845. Hrsg. v. Albrecht Bergold und Bernhard Zeller. Stuttgart: Klett-Cotta 1994, S. 181-182.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


Oktober 2018

MUSTERKÄRTCHEN
[...]

Ich hatte eines Tages nach dem Essen Lust, das kleine Zimmer im Schloß, wo die beim Brand verunglückten Uhren, die früher auf den Pürkelhofer Äckern gefundenen GeschützKugeln u. anderes schweres Gerümpelwerk aufgehäuft liegt. Clara faßte die Eine kleinere Uhr ins Aug, ließ ihre Absicht darauf merken und so nahm man sie mit auf mein Zimmer. Es fand sich daß sie nicht im Feuer selbst gewesen war, sie hatte immer in der Brantweinbrennerei gehangen um mittelst ihrer hellen Glocke (einem sogenannten Wecker) dem Brenner Nachts zu läuten. Es ist ein schönes ganz messingnes Werk, wohl über hundert Jahre alt, ächt englische Arbeit, auf dem metallnen Zifferblatt steht Sam. Steevens; London; die alterthümlich schnörkelhaften Verzierungen aussen durchaus Messing. Natürlich Alles schwarz von Schmutz, von stockendem Öl überzogen. Diese muß unser seyn! sagt ich nach der genauern Untersuchung; Louis lachte, holte das fürstl. GeräthsInventar herbei, ob sie nicht etwa dort aufgezeichnet sey, oder vielleicht unter den vom frühern Gutsbesitzer Hamminger der Herrschaft zum Kauf angebotenen, von ihr aber noch nicht entschieden angenommenen Geräthen stehe. Das leztere war der Fall u. zwar der Preis in der Liste mit 11 f. beigefügt. Und dennoch muß sie mit nach Mergentheim! sagt ich. In unserer großen Stube muß sie schlagen! sagte Clärchen. Louis glaubte selbst, Herr Hamminger, der ihm verbindlich sey, werde sie ihm auf sein Ersuchen entweder für ein kleines Geld oder geschenkt überlassen. Sogleich diktirte ich ein Briefchen an den genannten freundlichen Herrn u. wir erwarten jezt die Resolution.

Seit dem 6. September 1850 hielten sich Mörike mit seiner Schwester Klara (1816-1903) und zunächst auch mit Margarethe Speeth (später verheiratete Mörike; 1818-1903) im bei Regensburg gelegenen Pürkelgut auf. In dem 1844 vom fürstlichen Haus von Thurn und Taxis erworbenen Gut war Mörikes Bruder Ludwig (gen. Louis; 1811-1886) seit dem 1. Januar 1848 Ökonomieverwalter. Mörike und seine Schwester kehrten am 26. Dezember von dort zurück, Margarethe Speeth war bereits am 13. Oktober wieder nach Mergentheim gefahren. Der kurz nach dem 22. Oktober 1850 an sie geschriebene Brief enthält auch vorliegendes Musterkärtchen. Es berichtet von einer Begehung der Räume des südlich der (aus vier in einem geschlossenen Rechteck angeordneten, langgestreckten) Ökonomie- und Wohngebäuden stehenden, mit einem See umgebenen barocken Wasserschloß (erbaut 1728) des Pürkelguts. Dort hatte es im Frühjahr 1849 gebrannt. Die dabei offensichtlich nicht betroffene Branntweinbrennerei wurde damals wohl Anton Führbacher geleitet. – Die von Mörike erwähnte Uhr stammte aus der von Vater und Sohn Stevens zwischen 1680 und 1718 betriebenen Londoner Uhrenfabrik Stevens. – Den erhaltenen Inventarverzeichnissen des Pürkelguts aus den Jahren 1848 bis 1850 (Regensburg, Fürstlich Thurn und Taxissches Zentralarchiv, Rentamt St. Emmeram) liegt keine Verkaufsliste Georg Hammingers, der am 5. August 1838 das Pürkelgut gekauft hatte, mit einer entsprechenden Eintragung bei. Das Schreiben Mörikes an G. Hamminger mit der Bitte um Überlassung der Uhr ist, ebenso wie eine mögliche Antwort Hammingers, nicht nachweisbar (vgl. HKA, Bd 15, EB 104, S. 392). Ob Mörike die Uhr erhalten und mit nach Mergentheim genommen hat, ist nicht bekannt.

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 15. Briefe 1846-1850. Hrsg. v. Alkbrecht Bergold und Bernhard Zeller. Stuttgart: Klett-Cotta 2000, S. 346.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


September 2018

Nachschrift von E. D. 19. SEPT.

Ich gehe mit der »Alten« täglich 2 Stunden den Weg an dem Brünnlein vorüber pp spazieren, wobei aber immer viel ausgeruht wird. Zuweilen findet man eine gefallene Birne im Weg die sie mit großer Lust verspeißt, manchmal auch nehm ich etwas Obst im Sacke mit u. lasse es auf ihren Anruf heimlich vom Wind über die Hecke werfen, worauf sie ihm dann in vollkommenem Glauben mit unzähligen Handgrüßen dankt. Gewöhnlich aber ist mein Vorrath klein und ich selbst bin großer Liebhaber. Neulich sahn wir so schöne schwarze Trauben über die Mauer hängen, bei jeder fragte sie: Zeiti? – Nein, noch nicht ganz. Aber bißle zeiti? – Noch wiedsauer. – Wem ghöt das Weinbäg? – Dem Kaufmann Sartorius. – Wo is er? – In der Stadt. – Und dä? – Dem Herr Kanzleirath Götz (willkührliche Namen). – Wo is er? – In der Stadt. – Alles in der Stadt? Und dä? – (Etwas unwillig:) Dem Metzger Pfuderer und jetzt ists gnug!! – Ich gab ihr alsdann eine schöne goldgelbe Birne, die ich unbemerkt vom Boden aufgerafft u. für mich bestimmt hatte und sezte sie (die Batte) auf einen Ruhplatz unter einen Baum neben den Stäffelchen des nächsten Weinbergs. Während ich mit Vergnügen zusehe, wie ihr der süße Saft am Mund rechts und links herabläuft, so daß sie nur zu schnaufen u. zu schlucken hat, kommt ein gemeiner Mann, Eigenthümer des Guts, grüßt u. betrachtet das Kind, welches in seinem blaugestreiften Sommerkleid, mit dem Strohhut und kleinen Rosen darauf auch wirklich zum Malen angenehm dasaß. »Will des Töchterle net vielleicht au a Träuble?« Er ging und schnitt gleich eins mit etwa 20 großen weißen Beeren. Die Birne wurde augenblickl. weggelegt, ich verspeißte den Rest, das sie doch nicht gern sah. Bald hatte sie reine Arbeit gemacht, warf den Kamm auf die Seite und sagte befriedigt: sehr duter Mann! – Schad daß ers nicht mehr hörte, es ging ihr vom Herzen.

Mörikes Schwester Klara (1816-1903) besuchte vom 12. August bis zum 21. September 1857 die damals in Wimsheim lebende Familie von Mörikes engstem Freund Wilhelm Hartlaub (1804-1885). Die vorliegende Nachschrift ist Teil eines Briefes, den Mörikes Frau Margarethe (1818-1903) am 19. und 20. September an ihre Schwägerin und die Wimsheimer Freunde richtete. In ihr erzählt Mörike von einem Spaziergang mit seiner älteren Tochter Franziska (gen. Fanny; 1855-1930), der unter anderem am »Brünnlein« vorbeiführte, auf halber Höhe hinter dem Stuttgarter Katharinen-Hospital gelegen (wohl identisch mit dem heutigen Koppental-Brunnen). Der dabei teilweise in schwäbischer Sprache geführte Dialog mit seiner Tochter lautet auf hochdeutsch: »Zeitig? [im Sinne von: reif] – Nein, noch nicht ganz. Aber bischen zeitig? – Noch sauer wie ein Weidenzweig. – Wem gehört der Weinberg? – Dem Kaufmann Sartorius. – Wo ist er? – In der Stadt. – Und dieser? – Dem Herr Kanzleirath Götz (willkührliche Namen). – Wo ist er? – In der Stadt. – Alles in der Stadt? Und dieser? – (Etwas unwillig:) Dem Metzger Pfuderer und jetzt ist es genug!!« (auch der von Mörike zuletzt benutzte Name wurde »willkührlich« gebildet). Die weiteren, in der Nachschrift folgenden mundartlichen Worte lauten auf hochdeutsch: »Will das Töchterlein nicht vielleicht auch einen Trauben?« und »sehr guter Mann!« – »Batte« ist der von Mörike seiner Tochter Franziska gegebene Rufname, den er im Mergentheimer Hausbuch (SNM 2571) wie folgt erklärt: »Battele (der selbstgemachte HausName Fannys) im Französischen: Schiffchen«.

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 17. Briefe 1857-1863. Hrsg. v. Regina Cerfontaine und Hans-Ulrich Simon. Stuttgart: Klett-Cotta 2002, S. 28.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


August 2018

Musterkärtchen
von den letzten Tagen für meine liebe Gretilla
und mein Kleinselein

[...] d. 11/12. Nachts um halb 2 Uhr eine Fledermaus in Claras Schlafzimmer befreit. Abds. gegen 4 Uhr Spaziergang zu dreien in den Garten, wo Fanny die letzten Reine Clauden vom Baume herunterstupste. Um 5 Uhr treffen wir Clara Schmidt zu Haus; Pauline Gmelin zum Clavierunterricht; Fanny darf ein neues sehr schönes Stück von Diabelli anfangen. Nachher bleiben beide Fräulein zu einem Butterbrot u. Bier.

Vom 28. April 1864 bis zum 26. Januar 1870 wohnte Mörike mit seiner Frau Margarethe geb. Speeth (1818-1903; hier mit dem Kosenamen »Gretilla« erwähnt), seinen Töchtern Franziska (1855-1930; genannt »Fanny«) und Marie (1857-1876; hier als »Kleinselein«, dem schwäbischen Kosewort für »das kleinste Kind«, bezeichnet) sowie seiner Schwester Klara (1816-1903) in der Stuttgarter Kanzleistraße 8. Die Wohnung im dritten Stock des Hauses hatte vier Zimmer und Küche und war etwa 150 m2 groß. Am 14. August 1865, dem Datum des Briefes an Margarethe und Marie Mörike, aus dem hier zitiert wird, hielten sich Letztere bei Margarethe Mörikes einstiger Schulfreundin Marie Hibschenberger in Adelsheim auf (vom 26. Juli bis zum 22. August). Das vorliegende Musterkärtchen ist das siebte von neun Musterkärtchen, die zwischen dem 6. und dem 14. August entstanden sind und als Brief nach Adelsheim gingen. – Das »Schlafzimmer« von Mörikes Schwester Klara, das sie mit beiden Kindern teilte, befand sich hinter einer »Spanischen Wand« im sogenannten »Blauen Zimmer« (vgl. den von Mörike gezeichneten und beschrifteten Grundriß der Wohnung; Deutsches Literturarchiv Marbach). – Bereits am 1. Juni 1859 hatte Mörike den Garten am Kornberg erworben. Er blieb bis zum 5. Mai 1870 in seinem Besitz. – Klara Schmidt (1834-1885), eine Enkelin von Mörikes Onkel Christoph Friedrich Ludwig Neuffer wurde nach der Rückkehr aus dem Garten zusammen mit der Klavierlehrerin von Franziska Mörike, Pauline Gmelin (1828-1902), »zu Haus« - in der Kanzleistraße – angetroffen. Welches Stück des Komponisten und Musikverlegers Antonio Diabelli (1781-1858) Franziska Mörike einstudieren mußte, ist nicht bekannt.

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 18. Briefe 1864-1867. Hrsg. v. Regina Cerfontaine und Hans-Ulrich Simon. Stuttgart: Klett-Cotta 2006, S. 98.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


Juli 2018

Musterkärtlein für mein liebes Clärchen.

Aus einer alten gedruckten Denkschrift in Quart mit Umschlag von Silber-BlumenPapier [...] S. 25. Anrede des HE. RegierungsRath OberAmtmann Kerners u. SpecialsuperAttendenten M. Zillings AD SERENISSIMUM. (außerhalb dem Stuttgarter Thor wo eine donnerschlächtige Ehrenpforte errichtet war) Zilling sprach unter Anderem Folgendes: – – »Aber es ist nur das Äußerliche und Sichtbare. Die Fülle unseres Herzens und die Bereitschaft unseres Inwendigen können wir nicht schildern. Unsere Herzen sind viel erweiterter als die errichteten Ehrenbögen, dann sie stehen Eurer Durchl. unverdeckt und vollkommen offen. Unsere Herzen sind viel besser illuminirt als unsre Häuser leuchten werden, dann sie brennen ganz von DEVOTESTER Treue. Unsere Wünsche sind viel durchdringender als die Canonen, die wir eben da hören, dann sie dringen bis in den Himmel hinauf«. pp – –

Klara Mörike (1816-1903), an die vorliegendes, nach dem 2. Juli 1853 entstandenes Schreiben gerichtet war, hielt sich damals seit dem 18. Juni in Mergentheim bei Mörikes Schwiegermutter Josephine Speeth (1790-1860) auf. In dem Brief teilt Mörike ihr mehrere Musterkärtchen mit. Der vollständige Titel der bei »Christoph Friederich Cotta, Hof- und Canzley-Buchdrucker« in Ludwigsburg erschienenen »alten gedruckten Denkschrift«, aus der Mörike einige dieser Musterkärtchen zitiert, lautet: »Beschreibung des feyerlichen und gnädigsten Einzugs Seiner Herzoglichen Durchlaucht, des regierenden Herrn Herzog Carls zu Würtemberg und Töckh etc. nach Höchst Dero beglückten Zurückkunfft aus Italien in Dero Herzogl. Residenz und dritten Haupt-Stadt Ludwigsburg den 11ten Julii 1767. nebst denen auf solche höchsterfreuliche Begebenheit angestellten so wohl allgemeinenals besondern Ehren- und Freuden-Bezeugungen. Mit Herzoglich gnädigster Genehmigung«. Gemäß einer Aufzeichnung in seinem Kalender für 1854, GSA, verlieh Mörike das heute nicht mehr nachweisbare Exemplar dieser Schrift, das sich in seinem Besitz befand, in jenem Jahr an Justinus Kerner (1786-1862), den Sohn des Ludwigsburger Oberamtmanns und Regierungsrats Christoph Ludwig Kerner (1744-1799). Letzterer war im Jahre 1866 ins Amt gekommen. – Georg Sebastian Zilling (geb. 1725) war 1767 Dekan (auch »Spezialsuperintendant« genannt) und begrüßte Karl Eugen Herzog von Württemberg (1728-1793) bei der Ankunft in Ludwigsburg vor dem »Stuttgarter Tor«, eines der vier Haupttore an der Südseite der Stadt. – »Ad Serenissimum«: lat. für »an den Durchlauchtigsten«.

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 16. Briefe 1851-1856. Hrsg. v. Bernhard Thurn. Stuttgart: Klett-Cotta 2000, S. 152-153.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


Juni 2018

Musterkärtchen.

MARIE: (mit Spielen an ihrem Tischchen beschäftigt hat nebenher von Krankheiten unter uns reden gehört u. fragt in einer Pause des Gesprächs): »Wenn man das Überg'wicht kriegt – sind das arge Schmerzen?« Ein andermal: »was ist Sehnsucht? – thut ei'm das arg weh?«

Der von Eduard und Margarethe Mörike (1818-1903) an Wilhelm Hartlaub (1804-1885) gerichtete Brief trägt das Datum des 2. Juni 1860. Ihre Tochter Marie (1857-1876), von der hier die Rede ist, war zwei Jahre jünger wie ihre Schwester Franziska (gen. Fanny; gest. 1930); als vorliegender Brief geschrieben wurde war sie also drei Jahre und vier Monate alt. Die Familie wohnte seit Anfang September 1859 in der Stuttgarter Miltärstraße 51; die Wohnung im zweiten Stock mit vier Zimmern und Küche war etwa 95 qm groß.

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 17. Briefe 1857-1863. Hrsg. v. Regina Cerfontaine und Hans-Ulrich Simon. Stuttgart: Klett-Cotta 2002, S. 109.


Mai 2018

Am XXIX Mai. Musterkärtchen.

Morgens vor dem Frühstück sagt Ed. zu Fanny.
Heut ist des Herrn Dots Geburtstag.

F. Ja! – Wie alt ist jetzt der Herr Dot?
E. Fast so alt wie Dein Vater. Ich bin jetzt bald 48 Jahr.
F. Oh! (Staunen über die hohe Zahl.)

Im Brief an seinen Schul- und Studienfreund Wilhelm Hartlaub (1804-1885), im Jahr 1864 Pfarrer in Stöckenburg, berichtet Mörike gleich zu Beginn von einem Dialog mit seiner damals 9 Jahre alten Tochter Franziska (genannt Fanny; 1855-1930). Warum der damals 60jährige Mörike dabei sein Alter mit 48 angibt, ist nicht bekannt. –
»Dot« bzw. »Dote« waren im Süddeutschen die geläufigen Bezeichnungen für »Taufpate« bzw. »Taufpatin«. Neben dem »Herr Dot« Wilhelm Hartlaub waren Josephine Speeth, Klara Mörike, Friedrich (genannt Fritz) Mörike, Emilie Buttersack und Luise Breitschwert die Paten bzw. Patinnen von Mörikes ältester Tochter, die am 7. Mai 1855 in der Stuttgarter Spitalkirche getauft worden war.

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 18. Briefe 1864-1867. Hrsg. v. Regina Cerfontaine und Hans-Ulrich Simon. Stuttgart: Klett-Cotta 2006, S. 34.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


April 2018

Musterkärtchen
für die lieben Wimsheimer Freunde

[...] Im Heimweg durch die sonnige Hospitalstraße sagte WOLFF, während die Frauen einige Schritte vor uns hergingen: »Weißt Du auch, wie der Erz-Schelm, der Heigelin Deine Frauenzimmer heißt? Er wunderte sich neulich daß man Dich gar nirgends mehr sehe u. ich erklärte es ihm, da sagte er: So! i hab glaubt, seine zwei sanfte Drachen lassen ihn net fort – Ist das nicht herzig?!«

Im vorliegenden, zwischen dem 10. und dem 26. März 1865 geschriebenen Brief teilt Mörike der Familie Hartlaub ausschließlich Musterkärtchen mit; sie berichten von Ereignissen, die sich zwischen Dezember 1864 und dem 26. März 1865 zugetragen haben müssen. Die eng befreundete Familie lebte damals allerdings schon nicht mehr in Wimsheim: die Hartlaubs verzogen bereits am 10. November 1863 nach Stöckenburg bei Schwäbisch Hall (die Pfarrei Stöckenburg gehörte damals zu Vellberg); Wilhelm Hartlaub vermerkte dies unter Mörikes Anrede »Wimsheimer« mit dem Wort »Stöckenb.«. – Das hier wiedergegebene dritte der zahlreichen Musterkärtchen berichtet über ein Gespräch, das Mörike mit dem befreundeten Karl Wolff (1803-1869) am 4. Dezember 1864 auf dem Heimweg von einer Matinee Pauline Gmelins (1851-1882) führte. Bei ihr hatte Mörikes Tochter Fanny seit Ende 1864 Klavierunterricht. Pauline Gmelin wohnte damals in der Gartenstraße 25. Von dort gelangte man über die Hospitalstraße in die Kanzleistraße, in der Mörike und Wolff mit ihren Familien wohnten (Mörike hatte seit dem 28. April 1864 in der Kanzleistraße 8 im 3. Stock eine ca 150 m2 großen Wohnung mit vier Zimmern und einer Küche gemietet; Wolff wohnte in der Kanzleistraße 31). Auf dem Weg nach Hause wurden sie begleitet von ihren »Frauen« Margarethe (1818-1903) und Marie (1810-1873). – Die Äußerung über »Deine Frauenzimmer«, Mörikes Frau Margarethe und seine Schwester Klara (1816-1903), stammt von dem als »Erz-Schelm« bezeichneten Marcell Wilhelm Heigelin (1805-1874), der seit 1862 Schulrat in Stuttgart und in dieser Funktion auch Bezirksaufseher über die Volksschulen war.

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 18. Briefe 1864-1867. Hrsg. v. Regina Cerfontaine und Hans-Ulrich Simon. Stuttgart: Klett-Cotta 2006, S. 71.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


März 2018

Sie [Agnes Hartlaub] pflegt uns öfters vorzulesen, besonders mir bei meinen Stuben-MOTIONEN. Sie hat einen natürlich-lebhaften, wahrhaft dramatischen Ausdruck, wie ich bei keinem Kind von diesem Alter fand. Zuweilen kommen lustige Lesfehler vor: z. B. einen großmüthigen Wetterstreit statt Wettstreit. - »An Schwere 15 Ctr.« las sie (jedoch mit einem zweifelhaften Blick auf mich): 15 Creaturen.

Mörike teilt in einem Brief vom 21. März 1842 an Wilhelm Hartlaub mehrere Musterkärtchen mit. Sie beschreiben Begebenheiten mit Hartlaubs Tochter Agnes (1834-1878), die vom 21. Februar bis zum 8. Mai 1842 zu Besuch im Cleversulzbacher Pfarrhaus war. Der Begriff »Stuben-MOTIONEN« in dem hier gedruckten Kärtchen bezeichnet vermutlich die Bewegung (»Motion« war dafür damals ein gebräuchliches Fremdwort), die der Neuenstädter Arzt Karl Ludwig Elsäßer (1808-1874) Mörike wegen dessen körperlicher Beschwerden verordnet hatte. - »Ctr.« war die in jenen Tagen häufig benutzte Abkürzung für »Centner«.

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 14. Briefe 1842-1845. Hrsg. v. Albrecht Bergold und Bernhard Zeller. Stuttgart: Klett-Cotta 1994, S. 30.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


Februar 2018

Ich zeigte ihr [Antonie Schwerzenbach] hierauf in Wolffens Buch in den Anfangsgründen der Baukunst den

»3. Lehrsatz

Ein Fenster muß so breit seyn, daß zwey Personen gemächlich NEBEN EINANDER IN DEMSELBIGEN LIEGEN KÖNNEN.

BEWEISS.

DENN MAN PFLEGET SICH ÖFTERS MIT EINER ANDEREN PERSON AN DAS FENSTER ZU LEGEN UND SICH UM ZU SEHEN.«

worüber wir uns lustig machten.
E Wirst Du Dich auch einmal mit einer anderen Person so in das Fenster legen?
A (lächelnd) Ich weiß nicht. (Sogleich einlenkend, weil ihre Antwort ein zu schnelles Verständniß der Frage verrieth) Mit meiner Schwester Elis' hab ichs schon manchmal gethan.
E. Nun, wenn Du früher oder später mit einer anderen Person einmal so gemächlich in dem Fenster liegst, erinnere Dich doch dankbar desw guten Mannes, der diesen angenehmen Lehrsatz aufgestellt hat.
Ant: Ja, das will ich. –

Die Schweizerin Antonie Schwerzenbach (1838-1877), in deren Züricher Elternhaus auch Friedrich Theodor Vischer verkehrte, kam Ende Mai 1854 nach Stuttgart. Sie wohnte bis Ende 1855 als Pensionsgast bei Mörikes in der Alleenstraße 9. Die Wohnung im dritten Stock mit fünf Zimmern und einer Küche war etwa 135 m2 groß und kostete mit 250 fl eine für die Familie relativ hohe Miete. Deswegen vermietete man an ein bis zwei Kostgänger weiter. Antonie Schwerzenbach besuchte während ihres Aufenthalts in Stuttgart das Katharinenstift.
Die hier geschilderte Szene berichtet Mörike in einem Brief, den er nach dem 25. Februar 1855 an Familie Hartlaub richtete. Er zitiert dabei aus der Publikation »Anfangs-Gründe aller mathematischen Wissenschaften« (Bd. 5, Kurtzer Unterricht von den vornehmsten mathematischen Schriften, 7. Aufl., Frankfurt/M. u. Leipzig 1750) von Christian Freiherr von Wolff (1679-1754), einem führenden Philosoph der deutschen Aufklärung. – Mit »Elis'« ist Antonie Schwerzenbachs Schwester Elise (1842-1925), später verheiratete Hirzel, gemeint.

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 16. Briefe 1851-1856. Hrsg. v. Bernhard Thurn. Stuttgart: Klett-Cotta 2000 , S. 203-204.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold


Januar 2018

mir ... Musterkärtchen diktiren

Agnes hörte den Namen Ambrosia nennen, und mann mußte ihr das Wort erklären. worauf sie es mehrmals mit offenbarem wohlgefallen über den schönen Klang wiederholte. Einige Stunden später da sie dieß gleichfalls that sagte sie: das ist das schönste Wort, mein Leibwort. –

Das hier zitierte Musterkärtchen hat Mörike, der wegen einer Erkältung nicht selbst schreiben konnte, seiner Schwester Klara (1816-1903) diktiert. Es ist Teil eines Schreibens, das Klara Mörike nach dem 21. Januar und vor dem 8. Februar 1840 an Konstanze Hartlaub (geb. Kretschmer; 1811-1888), der Frau seines engsten Freundes Wilhelm Hartlaub, gesandt hat. Der Text Mörikes wird von seiner Schwester eingeleitet mit den Worten: »Nun will er daß doch auch etwas von ihm zu Euch gelange«.
Mörike, seit 1834 Pfarrer in dem bei Neuenstadt am Kocher gelegenen Dorf Cleversulzbach, lebte im dortigen Pfarrhaus mit seiner Schwester Klara und seiner Mutter Charlotte (geb. Beyer; 1771-1841). Zur Entstehungszeit des vorliegenden Schreibens war Wilhelm Hartlaubs Tochter Agnes (1834-1878) bei Mörikes zu Besuch. Sie hielt sich dort bereits seit Ende August 1839 auf und kehrte erst im Februar 1840 zu ihrer Familie nach Wermutshausen zurück.
Mit dem griechischen Wort »Ambrosia« wird in den Homerischen Gedichten gewöhnlich die »Götterspeise« bezeichnet. Es wird von Homer aber auch in der Bedeutung von »Salbe« und »Seife« (als Heilmittel bei Verwundungen und als Antiseptikum bei Einbalsamierungen) verwendet. Allerdings gibt es schon zu Mörikes Zeiten auch die Auffassung, daß mit »Ambrosia« der berauschende Göttertrank, also der »Nektar«, bezeichnet wird. Wie umfassend Mörike der damals sechsjährigen Agnes Hartlaub das Wort erklärte, ist nicht überliefert.

Textgrundlage: Eduard Mörike, Werke und Briefe. Bd. 13. Briefe 1839-1841. Hrsg. v. Hans-Ulrich Simon. Stuttgart: Klett-Cotta 1988, S. 84.

Auswahl und Kommentar: Albrecht Bergold